Silk RoadKokain vom "Pfandleiher"

Ein 24-Jähriger aus der bayerischen Provinz könnte mit Drogengeschäften über das Internet Millionen erwirtschaftet haben. Nun steht er vor Gericht. von 

Im Darknet, jener Welt jenseits des World Wide Web, die nicht über Google zu finden ist, kannten ihn seine Kunden als den "Pfandleiher". Das war sein Händlername auf der "Silk Road", dem bekanntesten Onlineschwarzmarkt für Drogen.

Bis nach Mexiko sprach sich herum, dass der Pfandleiher einer der großen Dealer auf der Cyber-Seidenstraße sei. Ein Magazin aus Tijuana nannte ihn den "Capo Nummer 1" unter den Silk-Road-Händlern, mit angeblich Hunderten zufriedenen Kunden in aller Welt. Nur ein Gesicht hatte der Pfandleiher nicht. Wer hinter dem Pseudonym steckte, war lange nicht bekannt – bis zum Sommer des vergangenen Jahres.

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4. Juli 2013, ein verschlafener Ort zwischen Donau und Isar, Kreis Deggendorf, Niederbayern. Die Sonne ist kaum aufgegangen, da pirschen sich zwischen Kirche und Kegelbahn Polizisten mit schwarzen Sturmhauben an ein Einfamilienhaus heran. Monatelang hat das LKA einen jungen Mann überwacht, nun folgt der Zugriff: Das Spezialeinsatzkommando zertrümmert die Terrassentür, dringt in das Haus ein und nimmt Sascha F. fest. Die Ermittler sind sich sicher: Er ist der Pfandleiher.

Von diesem Montag an muss sich der 24-Jährige vor dem Landgericht Deggendorf verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, von Ende 2011 bis Mitte 2013 auf der Silk Road als Händler unterwegs gewesen zu sein. Wegen bandenmäßigem Betäubungsmittelhandel drohen ihm fünf Jahre Gefängnis und mehr. Es ist der erste Prozess in Deutschland gegen einen Drogendealer des Onlineschwarzmarkts. Nach Informationen der ZEIT soll Sascha F. kiloweise Kokain, Speed, MDMA und andere Drogen aus den Niederlanden bezogen und anonym über das Darknet verkauft haben. Einen Teil der Ware habe er selbst abgepackt und per Post an die Kunden verschickt, sagt ein Ermittler. Bisweilen habe er auch als eine Art Makler fungiert, der die verschlüsselten Bestellungen entgegennahm, während andere aus dem Cyber-Drogenring die Ware lieferten: vakuumverpackt.

Hochrechnungen des LKA Bayern zufolge könnte Sascha F. mit dem Dealen um die 5,5 Millionen Euro eingenommen haben. Als Vollzeithändler bezeichnete sich der Pfandleiher auf der Silk Road. Die Staatsanwaltschaft hat F. jedoch nicht wegen jeder möglichen Einzellieferung angeklagt, sondern nur in zwölf besonders schwerwiegenden Fällen. Sascha F.s Anwältin bestreitet, dass ihr Mandant durch den Drogenhandel zum Millionär wurde. Aber grundsätzlich sei er geständig und bereit, vor Gericht auszusagen – auch gegen Hintermänner.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

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Wer heute die Internetadresse der Silk Road eingibt, findet nur noch ein Stoppschild des US-Justizministeriums: "Diese versteckte Seite wurde beschlagnahmt." Die amerikanischen Behörden haben die Plattform am 1. Oktober 2013, drei Monate nach der Festnahme von Sascha F., in der Operation Marco Polo dichtgemacht. An jenem Tag verhaftete das FBI in einer Bibliothek in San Francisco auch Ross U., einen schmächtigen Ingenieurwissenschaftler, 29 Jahre alt. Die US-Ankläger halten ihn für den Mastermind und Betreiber der 2011 gestarteten Handelsplattform. Das würde ihn zum obersten Boss des Pfandleihers und Hunderter weiterer Dealer machen. Im Darknet soll Ross U. den Namen einer Fantasyfilmfigur getragen haben: "Dread Pirate Roberts", der grausame Pirat Roberts. "Ich wollte eine Website schaffen, auf der Menschen anonym einkaufen können, ohne eine einzige Spur zu hinterlassen, die zu ihnen führen könnte", heißt es in einem Tagebuch, das die Ermittler auf U.s Rechner fanden.

Um die Silk Road zu erreichen, mussten Nutzer den Tor-Browser benutzen, eine Art Tarnkappe für das Internet. Ihre Adresse schickten die Käufer per verschlüsselter E-Mail an die Verkäufer. Bezahlt wurde auf der Silk Road mit der Digitalwährung Bitcoin. Damit sind anonyme Transaktionen möglich, spezielle Börsen tauschen die virtuellen Münzen in reales Geld zurück.

Leserkommentare
  1. "Ich wollte eine Website schaffen, auf der Menschen anonym einkaufen können, ohne eine einzige Spur zu hinterlassen, die zu ihnen führen könnte"
    "... Nutzer den Tor-Browser benutzen, eine Art Tarnkappe für das Internet. Ihre Adresse schickten die Käufer per verschlüsselter E-Mail ..." Bezahlt wurde ... mit der Digitalwährung Bitcoin. Damit sind anonyme Transaktionen möglich"
    "... die Seite sei weit mehr als ein Schwarzmarkt: nämlich ein libertäres, kryptoanarchistisches Projekt gegen den Verbotsstaat. "Es geht darum, uns unsere Freiheit und unsere Würde zurückzuholen", ... "Helden" im anti-etatistischen Abwehrkampf."
    Sind das nicht gerade die Argumente, mit denen die Aktivitäten der NSA verdammt oder verhindert werden sollen? Ist vielleicht das anonyme Individuum im Netz doch nicht der Weisheit letzter Schluss? Sind die NSA doch die Guten?

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  2. Gewinnstreben und Idealismus gehen für den Autor augenscheinlich nicht zusammen.

    Nein, wer in Deutschland idealistisch ist, muss der edlen Armut frönen.

    Und wer viel Geld verdient, kann keine guten Absichten hegen.

    (Das gilt natürlich nicht für Politiker – die dürfen in „Sozialpalästen“ wohnen.)

    Warum darf man nicht Nutz und Frommen verbinden?

    „Der Gründer der Silk Road propagierte dagegen die Botschaft, die Seite sei weit mehr als ein Schwarzmarkt: nämlich ein libertäres, kryptoanarchistisches Projekt gegen den Verbotsstaat. "Es geht darum, uns unsere Freiheit und unsere Würde zurückzuholen", schrieb er im Netz.“

    Nun, man kann der Meinung sein, dass in einem liberalen Rechtsstaat jeder mündige Bürger sein Recht ausleben dürfen muss, sich nach eigener Fasson ums Leben bringen zu dürfen.

    Die einen rauchen, die anderen saufen, manche rasen mit dem Motorrad oder climben free…

    Warum soll man sich also nicht mit harten Drogen mittelfristig ins Jenseits befördern dürfen?

    4 Leserempfehlungen
  3. 3. Drogen

    Die Drogenseiten sind jetzt vom Netz, der Bedarf Süchtiger und "Genießer" ist weiter vorhanden, jetzt wird wahrscheinlich wieder im "real life" gekauft, während die Ermittler mit Sekt auf ihren Erfolg anstoßen.

    Diese unendliche Geschichte wird nie aufhören, schade nur dass (Steuer)Geld und Polizeizeit für diese Opferlose Kriminialität geopfert wird. Illegalität wird nie Drogenkonsum bekämpfen, auch nicht den Handel. Dafür sind die Margen einfach zu verlockend. Aufklärung und kontrollierte Abgabe würde höchstwahrscheinlich besser funktionieren, schade dass sich die Regierungen nicht trauen!

    3 Leserempfehlungen
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  4. .
    ".... schade nur dass (Steuer)Geld und Polizeizeit für diese Opferlose Kriminialität geopfert wird ...."

    Im Gegensatz zu sozialschädlichen Wirtschaftsverbrechen oder gefährlicher Gewaltkriminalität stellt der Handel mit Substanzen für den Eigengebrauch Erwachsener keinerlei Problem dar.

    Fremdwirkungen entstehen keine (zumindest solang sich keine uniformierten Zwängler einmischen), und ob ich meine Hirnrinde nun in legalem Ethanol auflöse um sie danach mit dem Urin auszuscheiden, oder ob ich den Cortex ein wenig kitzeln möchte mit ... oder ...., weils so schön strange ist, und superbunt, und friedvoll auch noch, das sollte schlicht niemanden etwas angehen.

    Klar dürfen keine Jugendlichen beliefert werden, klar ist auf die aktive Verkehrsteilnahme unter Einfluss zu verzichten, klar müssen set und setting stimmen .... es geht ja aber um verantwortungsbewusste User.

    Unter der Randbedingung "legal" bzw. "nicht kriminalisiert" würde sich die Überwachung der genannten Beschränkungen wesentlich einfacher gestalten.

    Die verantwortungslosen Ididoten schaffen mit (legalem!) Alkohol ohnehin die viel grösseren Katastrophen, sowohl was "direkte Kosten" des Rausches in der Gehirnzellenwährung angeht, als auch natürlich von häuslicher Gewalt über promillehältige Verkehrsteilnahme bis runter zur teuren Zirrhose.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Drogen"
  5. ...wie süß.

    Das ist lächerlich wenig im Vergleich zum gesamten illegalen Drogenmarkt.

    Ansonsten wurde schon viel geschrieben, dem ich im Großen zustimmen kann.

  6. ist eine erfundene Kriminalität. Jeder soll selbst entscheiden, was er mit seinem Körper macht. Im Vergleich zum Straßenverkehr kann dort Rasen andere Teilnehmer töten, und es gibt solange es keinen Toten gibt auch keine Haft für Raser usw.. usw die Fülle an Beispielen zwischen Selbstgefährdung und Fremdgefährdung ist nahezu endlos, und das zweierlei Maß ebenso.
    Drogen will man nicht haben, weil ich was nicht warum. Es ist wie ein alter Glaube-

    Richtige Drogenberatung hat zum Ziel, die richtige Anwendung. Davon abbringen kann man nur, indem man jemanden das Gehirn raubt, der sich vornimmt, sich durch Drogen zu "entgrenzen".

    In einer intakten Welt, wo die Menschen Sinn und Vernunft erfahren, braucht niemand Entgrenzung und Drogen, weil das Leben dann selbst genug körpereigene Stimulanzien bilden wird, was man Glücksgefühle nennt.

    Antwort auf "NSA sind die Guten?"

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